Mittwoch, 9. November 2016

Der erste Schnee
















Als Kinder haben wir uns jedes Jahr mächtig gefreut, wenn im November die ersten Schneeflocken am Himmel tanzten. Der tiefgraue Himmel und die weiße Pracht waren eine Verheißung: Bald ist Weihnachten, bald gibt es Geschenke und bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Schlittenfahren. Damals blieb der Schnee meistens noch liegen und es war mehr als heute. Vielleicht ist diese Erinnerung aber auch falsch - im Rückblick verklären sich manche Dinge. Als ich heute früh aus dem Fenster schaute, und den Schnee sah, dachte ich nur: Oha... jetzt ist es wieder soweit. Es wird Winter :-(

Wetter ist für mich schon immer ein spannendes Thema gewesen. Nicht umsonst gibt es in diesem Blog eine eigene Rubrik mit "Wetterfotos". Ich liebe es, die Veränderungen in der Natur zu beobachten, das wechselnde Licht und die Farben des Himmels, der zu jeder Jahreszeit andere Nuancen hat. Den Wetterbericht im Fernsehen finde ich spannender als die Nachrichten, die Namen der deutschen TV-Meteorologen sind mir geläufiger als die mancher Promis. Wenn Donald Bäcker im Morgenmagazin den Unterschied von Glatteis und Eisglätte erläutert, höre ich aufmerksam zu, und ich folge Benjamin Stöwes Twitter Account...

Wetter ist für mich kein Small Talk Thema

Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Mutter als Vierjährige fragte, warum man eigentlich nur an bestimmten Tagen die Züge in der Ferne vorbeifahren hörte. Sie erklärte mir daraufhin, das habe mit der Windrichtung zu tun, und ich war fasziniert über diesen Zusammenhang. Mein Cousin war damals bei den Pfadfindern. Von ihm habe ich gelernt, dass der Moosbewuchs an Baumstämmen die Richtung anzeigt, aus der der meiste Regen kommt, und man sich im Wald daran orientieren und den Weg finden könne. Hänsel und Gretel hätten sich mit diesem Wissen wohl so manchen Umweg erspart!

Heute weiß ich, dass eine Ostströmung meistens stabiler ist als eine Westströmung, dass es weniger regnet, wenn der Wind von Osten weht, und dass es dann im Winter eklig kalt wird. Föhnfische am Himmel sind mir da bedeutend sympathischer.

Wetter und Licht gehörenfür mich untrennbar zusammen


















Weil ich jeden Tag mit dem Fahrrad unterwegs bin, sind Wettervorhersage und  Regenradar für meinen Alltag extrem wichtig. Sie sind ausschlaggebend dafür, welche Jacke ich morgens anziehe, oder ob ich einen anberaumten Fotokurstermin absagen muss. Obwohl ich die meiste Zeit in geschlossenen Räumen verbringe, verändert das Wetter meine Stimmung - und nicht nur meine.

Der Wechsel der Jahreszeiten

Die Welt im Frühjahr oder Sommer ist eine andere, als im Herbst oder Winter. Ich liebe den Herbst wegen seiner satten Farben. Im Frühling blüht alles, der Sommer ist voller Grüntöne, und die Straßen einer Stadt haben in einer Sommernacht einen völlig anderen Klang. Kalte Tage im Winter oder zwischendurch machten mir früher nicht viel aus, Regen störte mich auch nicht. Jetzt bin ich etwas empfindlicher. Meine Lieblingsreiseziele sind Länder, die für ihr "schlechtes Wetter" berühmt und berüchtigt sind: Island, Großbritannien und Skandinavien. Ich habe lange nicht verstanden, warum so viele Deutsche übers Wetter jammerten, und in südliche Gefilde reisen oder auswandern wollten, weil es dort "immer warm" ist. Mir war es dort immer zu  warm, und ich kann mir bis heute nicht vorstellen, an einem Ort zu leben, an dem das Wetter immer gleich und der Himmel immer blau ist. Vielleicht muss man erst ein bestimmtes Alter erreichen, um die Sehnsucht nach Wärme und sattem Sonnenschein nachvollziehen zu können?  

Vitamin D?

"Im Alter lässt die Umsetzung des Sonnenlichtes in Vitamin D im Vergleich zur Situation in der Jugend um mehr als die Hälfte nach", heißt es in einem Fachartikel, und "die heutigen Lebensverhältnisse sowie die Verwendung von Sonnenschutzmitteln erschweren die ausreichende körpereigene Produktion von Vitamin D über Sonnenlichtexposition".
Ja, ich bin froh um jeden Tag, an dem es nicht schneit, an dem es keine Eisglätte gibt, und ich ohne Handschuhe Fahrrad fahren kann. Auswandern würde ich deswegen nicht, aber die Vorstellung, den Sommer auf der Nord- und den Winter auf der Südhalbkugel des Planeten zu verbringen, übt einen stärkeren Reiz auf mich aus, als je zuvor. Das hat nichts mit dem Wetter zu tun, sondern mit der Anzahl der Tageslichtstunden.

Subjektive Wahrnehmung?

Ab Mitte September nehme ich sehr deutlich wahr, dass es morgens später hell und abends früher dunkel wird. Mit der Zeitumstellung Ende Oktober wird es morgens vorübergehend besser, aber abends umso schlimmer: es ist gerade mal 16:15 Uhr und draußen bricht die Abenddämmerung herein. War das immer schon so oder ist es mir früher nur nicht aufgefallen? Wie erlebt ihr das?

Ich freue mich auf Weihnachten, aber nicht wegen der Geschenke, sondern wegen der Wintersonnenwende. Bis dahin sind es noch sechs volle Wochen, das heißt: bis dahin gibt es jeden Tag noch weniger Tageslicht! :-(  Dagegen hilft nur eine entsprechende Raumbeleuchtung, oder man legt sich zwischendurch mal auf die Sonnenbank. Ich höre schon den Aufschrei: Davon bekommt man doch Hautkrebs!
Da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht sind diese ganzen Sonnenschutzcremes, mit denen wir uns seit Jahrzehnten vor der bösen Sonne abschirmen, nicht ganz unschuldig an diesem Dilemma.


Fünfzehn Minuten Sonne OHNE Sonnenschutz brauchen wir jedenfalls täglich, zumindest im Gesicht und auf den Armen, damit der Körper ausreichend Vitamin D produzieren kann.
Meine Devise lautet also: Raus an die frische Luft, wenn sich die Sonne blicken lässt, Ärmel hochkrempeln und die Tage bis zur Sonnenwende zählen...


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Als ich zehn war (Blogparade)

Zwetschgenmann Lutz Prauser lädt ein zur Blogparade "Als ich zehn war"... Es war Raimund Verspohls Beitrag über seine Zeit als "Analogue Native", der mich zu diesem Beitrag inspiriert hat.
    Mit zehn Jahren fängt – fast – ein anderes Leben an. War das so?, fragt Lutz Prauser.
      Absolut: Ein radikaler Einschnitt.
      Als ich zehn war, änderte sich in meinem Leben so ziemlich alles. Zwei Wochen vor meinem zehnten Geburtstag kam mein Bruder* auf die Welt. Aus war's mit der Ruhe. Ich bekam zwar das größere der beiden Kinderzimmer, aber die Lärmquelle direkt nebenan wurde für mich in den darauffolgenden Jahren zu einer permanenten Folter. Sorry, Bruder, du konntest nichts dafür. Dass du heute Musiker bist, freut mich übrigens sehr :-) Das Timing damals war unglücklich und die Rahmenbedingungen eher schlecht.
      * Korrekt formuliert müsste ich "Halbbruder" schreiben, aber wir sind zusammen aufgewachsen, also ist er mein Bruder. Fertig, aus.

      Es heißt, dass die Babyboomer Glückskinder seien. Solche Verallgemeinerungen schätze ich nicht so sehr. 1964 war der geburtenstärkste Jahrgang mit durchschnittlich 3718 Geburten in Deutschland pro Tag. Folglich wurde diese Monster-Generation auch gleichzeitig eingeschult. 1974 besuchte ich die vierte Grundschulklasse einer Schule, die nur 100 Meter von unserer Wohnung entfernt lag. Wir lebten in Haar bei München in einem aus dem Boden gestampften Neubaugebiet der "Neuen Heimat" - Wohnblöcke im Stil der frühen Siebziger. Das hatte damals noch keinen unangenehmen Beigeschmack, es waren die modernsten Wohnungen im Ort, groß und bezahlbar.

      37 Schüler - beim Fototermin fehlten einige.
      Während des Jahres kamen neue dazu, andere gingen.

      In der neu eröffneten Grundschule waren Klassenstärken mit vierzig Schülern und mehr ganz normal. Der Lärmpegel und die bedrückende Enge in den Klassenzimmern waren sicher auch Ursachen dafür, dass ich nicht gern zur Schule ging. Jedenfalls meldete ich mich so oft wie möglich wegen Übelkeit und Kopfschmerzen krank. Meine schulischen Leistungen waren entsprechend mittelprächtig. Dass ich den Übertritt ins Gymnasium trotzdem schaffte, war nur der sehr engagierten Klassenlehrerin zu verdanken, aber auch dem Druck, den meine Mutter damals auf mich ausübte. Es war der Klassiker: Den Kindern soll es später besser gehen, als den Eltern, also ab aufs Gymnasium!

      Der Schulwechsel war der pure Horror: Die 5. Klasse war genauso voll wie die vierte. Meine einzige Sandkastenfreundin wurde einer der sechs anderen fünften Klassen zugeteilt. Das Gymnasium, geplant für 500 Schüler, war noch im Bau. Im Eröffnungsjahr waren wir schon 900 Schüler. Entsprechend voll, eng und laut war es in den Pausen. Unser Erdkundelehrer, ein Überbleibsel aus der Nazizeit, entpuppte sich als gemeiner Sadist. Er unterrichtete, indem er stets zwei Schüler ausfragte und sie dabei vor der Klasse lächerlich machte. Die Klassenlehrerin war das genaue Gegenteil: viel zu weich. Gegen die Meute randalierender Zehnjähriger konnte sie sich nur mit Mühe durchsetzen. Ethik und Kunst waren die einzigen Fächer, in denen ich mich halbwegs wohlfühlte. Englisch wollte ich aber unbedingt lernen, denn ich war damals Beatles-Fan.

      Wenn ich jemals John, Paul, George oder Ringo persönlich treffen sollte, wollte ich auf jeden Fall in der Lage sein, mit ihnen zu reden. So handelte ich mir schnell den Ruf als Streberin ein, weil ich eine der Wenigen war, die versuchte, mit der verzweifelten Englischlehrerin zu kooperieren.

      Mathematik? Ein Buch mit sieben Siegeln. Dazu eine glatte Fünf in Erdkunde - Versetzung gefährdet. Ich hockte donnerstags und sonntags stundenlang allein über dem Erdkundebuch und versuchte, acht bis zehn Seiten Text auswendig zu lernen, die wir regelmäßig als Hausaufgabe bekamen. Ich beneidete die Nachbarskinder, die auf der Hauptschule geblieben waren, und fröhlich in der Nachmittagssonne spielten. Aus der Fünf in Erdkunde wurde eine Vier und ich konnte auf dem Gymnasium bleiben. Dass das in den Folgejahren nicht einfach werden würde, war absehbar: Mein türkischer Stiefvater (erste Gastarbeitergeneration) sprach sehr schlecht Deutsch. Meine Mutter hatte nach ihrem hervorragenden Hauptschulabschluss im Alter von nur vierzehn Jahren sofort eine Lehre antreten müssen. Beide arbeiteten Vollzeit. Außer punktueller Mathe-Nachhilfe gab es niemanden, der mir bei den Hausaufgaben helfen konnte, da musste ich also alleine durch. Der schönste Moment in meiner Schulzeit war der, als ich meine Abi-Ergebnisse erhielt, und wusste, dass die Schulzeit (= Jahre der Qual) endlich vorbei war. Vier Wochen später zog ich von Zuhause aus. Doch zurück in die Zeit, als ich zehn war...


      Meine neue beste Freundin war ein Jahr älter und brachte immer die neuesten Ausgaben von Bravo und Pop mit. Ihretwegen ging ich immer schon um halb acht zur Schule, damit wir noch genug Zeit hatten, um über unsere Lieblingsbands und über Musik zu sprechen.


      Das Cover von Rubber Soul hat mich schon damals wegen der tollen Schwarzweiß-Porträts auf der Rückseite völlig fasziniert!



      Interessen: Womit ich mich heute in meinen Blogs beschäftige, hat mich als Zehnjährige auch schon interessiert. Aufsätze schreiben gefiel mir, und ich hatte angefangen, mit dem Fotoapparat meiner Mutter erste eigene Bilder zu machen. Davon ist leider so gut wie nichts übrig geblieben. Erst mit etwa zwölf Jahren fing ich an, mir die Filme vom eigenen Taschengeld zu kaufen und die Negative selbst zu archivieren. Etwa zur selben Zeit fing ich an, erste kleine Geschichten aufzuschreiben. Auch davon ist nichts erhalten.


      Meine Hobbies waren Malen, Musikkassetten aufnehmen, Fotografieren und Pferde. Ich habe nie mit Puppen, sondern mit kleinen Miniaturcowboys gespielt, denn dazu gab es tausenderlei verschiedene Pferde, und jedes in meiner Sammlung hatte einen Namen. Ich hatte auch eine Sammlung von Postkarten aus dem Schreibwarenladen: viele Pferdefotos, aber auch schöne Landschafts- und Naturmotive mit Sinnsprüchen.

      Meine Familie machte generell keine Urlaube, darum war ich immer zuhause bzw. irgendwo im Gelände unterwegs, entweder mit den Rollschuhen oder mit dem Fahrrad.

      Ein Teil des Neubaugebiets war noch unbebaut. Dort sind wir auf die Kiesberge geklettert, fuhren im Winter Schlitten und ließen im Herbst die Drachen steigen. Wenn ich nach Hause kam, rieselte der Sand aus meiner Kleidung.


      Meine Mutter musste die zerschlissenen Knie an den Cordhosen regelmäßig reparieren, oder neue kaufen, weil ich ziemlich schnell größer wurde.

      Mode in den Siebziger Jahren bedeutet automatisch: Hosen mit Schlag und fürchterliche Farbkombinationen: orange, braun, giftgrün. Mir war das in diesem Alter ziemlich egal. Bei uns gab es keine Anlässe, bei denen man sich adrett hätte kleiden müssen. Wir gingen nicht in die Kirche und es gab keine steifen Verwandtschaftsbesuche. Hauptsache die Kleidung war praktisch. So lange es eine Hose und kein Kleidchen war, ging die Sache für mich in Ordnung. Später bestand ich auf Jeans eines bestimmten Herstellers, weil die an mir einfach am besten saßen.

      Mutter und Stiefvater waren tagsüber in der Arbeit und ich war absolut frei. In den Ferien sowie zwischen Schulschluss und Abendessen konnte ich tun und lassen, was ich wollte - Hauptsache die Hausaufgaben waren gemacht. Bei den regelmäßigen Sonntagsausflügen ins Münchner Umland steuerten wir stets ein traditionell bayerisches Gasthaus an. Dort gab es mein Lieblingsessen:  Schweinebraten mit Knödeln. Was das angeht, bin ich halt eine echte Bayerin ;-)  Und ja: mein Stiefvater hat sich damals tatsächlich noch den integrativen Schweinebraten reingezogen, zumindest solange keine Landsleute zugegen waren. Umgekehrt konnte ich mich mit den türkischen Spezialitäten als Kind überhaupt nicht anfreunden. Zu süß, zu scharf, zu fremd. Nur die Wassermelonen zählen bis heute zu den besten kulinarischen Entdeckungen jener Zeit.

      Mit zehn bekam ich (wieder) einen Zwerghasen. Meine Mutter wollte keine Haustiere mehr, nachdem die beiden Kaninchen davor relativ schnell das Zeitliche gesegnet hatten. Ich machte so lange Stress, bis sie schließlich mit erhobenem Zeigefinger einwilligte. Dieser Hase stand unter meiner alleinigen Verantwortung! Nun ja, sie hat immer wieder gemahnt oder mitgeholfen, wenn ich meinen Versprechungen doch nicht so diszipliniert nachkam.
      Moritz (der dritte) bekam von mir später einen anderen Namen: "Waldpilz von der Hasenheide" und er wurde am Ende zehn Jahre alt. Ein Pony oder Pferd hätte ich natürlich vorgezogen, aber daran war nicht zu denken. Immerhin durfte ich manchmal reiten gehen. Dieses Hobby hat mich - mit Unterbrechungen - bis ins Jahr 2000 begleitet.

      Nur dreimal vom Pferd gefallen in 25 aktiven Jahren,
      das ist okay :-)
















      Als Sport wurde Reiten damals nicht aufgefasst. Rancho Alegre hieß der Reitstall, in dem man selbst so Zwerge wie mich auf riesengroße, brave Pferde klettern und in großer Gruppe - damals noch ohne Reithelm! - ins Gelände ausreiten ließ. Im bequemen und sicheren Westernsattel wurde ich dann zu Adam Cartwright oder Winnetou. Die seltenen zwei- bis dreistündigen Ausritte in den Ebersberger Forst waren das absolute Highlight meiner Kindheit. Hinterher sah ich immer aus, wie ein Dreckspatz, weil mir beim Galoppieren über matschige Reitwege viel Erde aus den Hinterhufen der Vorderpferde um die Ohren flog. Im gestreckten Galopp über ein abgemähtes Stoppfelfeld Richtung Stall jagen - als Kind war es DER Traum. Dass man so etwas keinesfalls tun sollte, und dass Reiten richtig gefährlich sein kann, habe ich erst Jahre später gelernt, als ich in einer richtigen Reitschule richtig reiten lernte (mit Helm, natürlich). Für meine Berufswahl kamen damals nur drei Dinge in Frage: Jockey, Reitlehrerin oder Fotografin. 

      Die politische Großwetterlage hat mich als Zehnjährige nicht interessiert, trotzdem gab es einige Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ölkrise mit dem autofreien Sonntag (1973) und der RAF-Terrorismus in den Folgejahren haben mich beunruhigt. Was eine Spionage-Affäre ist, habe ich damals nicht so richtig verstanden. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Franz-Josef Strauß und den singenden Bundespräsidenten Walter Scheel konnte ich aber auseinanderhalten, wenn ich sie im Fernsehen sah. Das fing damals erst um 16 Uhr an, und es bestand aus fünf statt drei Programmen, weil wir zusätzlich die beiden österreichischen Sender empfangen konnten. Dalli Dalli, Am Laufenden Band und Der große Preis  waren unsere abendliche Fernsehunterhaltung. Zur Fußball WM74 bekamen wir dann auch einen Farbfernseher mit Fernbedienung! Wenn Dieter Hallervorden, Loriot oder Louis de Funès auf dem Programm standen, gab es etwas zu lachen, und das war eine angenehme Abwechslung in meiner nicht immer so heiteren Kindheit. Den Kampf darum, ob samstags die Sportschau im Ersten oder eine amerikanische Serie im Zweiten angeschaut wird, kennt wohl jeder 64er ;-)



      Oberinspektor Derrick und Harry-Fahr-den-Wagen-vor-Klein waren die beruhigende Rückversicherung, dass Bösewichter am Ende zur Strecke gebracht werden. Der streng dreinblickende Eduard Zimmermann mit seinem Aktenzeichen XY ließ mich jedoch schon früh ahnen, dass die Welt, in die ich hineinwuchs, nach anderen Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

      Je älter man wird, desto umfangreicher wird der Erfahrungsschatz, auf den man zurückblicken kann. Auf schlechte Zeiten folgen gute und umgekehrt. Das Schöne am Älterwerden ist, dass eine größere Gelassenheit einkehrt. Wenn's mal nicht so läuft, muss man sich nur daran erinnern, dass es schon früher Lebensphasen gab, die nicht so prickelnd waren. Selbst in solchen Phasen gab es immer wieder schöne Momente, und jede Phase ging irgendwann in eine neue über. Daraus haben sich bei mir die Dankbarkeit für das Schöne entwickelt, aber auch der Mut, das Unangenehme zu bewältigen.

      Wenn ihr auch bei der Blogparade mitmachen wollt: sie läuft noch bis zum 31.10.2016

      EINLADUNG ZUR BLOGPARADE „ALS ICH ZEHN WAR“

       

      Montag, 18. Juli 2016

      #webseidank


      Nach fast einem Jahr Sendepause ist die Blogparade von unserleben.digital ein wunderbarer Anlass, mal wieder etwas hier zu posten.

      Die Seite betrachtenswert.de war mein großes nichtkommerzielles Internet-Herzensprojekt, das in den letzten Jahren unter die Räder gekommen ist.

      Bei der Frage "Was hat mir das Web (menschlich) Gutes getan?" sind sofort viele Erinnerungen hochgekommen.


      Als erstes fiel mir ein, dass ich in den späten 90er Jahren auf unglaublich viele tolle Internetseiten gestoßen bin, die mir geholfen haben, mich persönlich weiter zu entwickeln. Ganz vorneweg war das die Seite zeitzuleben.de, die ich bis heute sehr schätze.

      Aus diesem Umfeld heraus bin ich über Foren und Diskussionsgruppen auf viele Menschen mit ähnlichen Interessen gestoßen: Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie, Fotografie. Aus einigen online Begegnungen wurden reale Treffen, es entwickelten sich echte Freundschaften, die bis heute fortbestehen. Motiviert durch andere "Web-Amateure" haben wir noch vor der Jahrtausendwende angefangen eigene Gruppen aufzubauen und eigene Seiten ins Netz zu stellen - ohne kommerzielle Hintergedanken. Dabei haben wir unglaublich viel gelernt, jeder für sich und wir von einander. Das Umfeld habe ich immer als unterstützend, fördernd und hilfsbereit empfunden. Schließlich hat mir das Web dann auch ermöglicht, beruflich neue Wege einzuschlagen.

      Über die sogenannten "sozialen Medien", insbesondere Facebook, hatte ich neulich in meinem fotonanny-Blog schon einmal geschrieben. Das Web hat die Welt kleiner werden lassen: Nachrichtenübermittlung beinahe in Echtzeit per Mail oder Skype erlaubt es mir, mit Freunden am anderen Ende der Welt in einer engeren Verbindung zu sein, als per Luftpostbrief.

      Was ich wirklich toll finde: Man findet auf fast jede Frage eine Antwort - oder zumindest fünfundzwanzig verschiedene Meinungen. So habe ich gelernt, Forums-Threads eher zu meiden, weil die Diskussionen allzu oft abgleiten und im Sande verlaufen. Das direkte (Internet)Gespräch von Mensch zu Mensch erlebe ich meist zielführender als eine Gruppendiskussion, zumindest wenn es um Fotografie geht. Bei den Psychologen funktioniert es besser, die haben eher den Menschen im Blick ;-)

      Youtube liebe ich, weil ich dort Information und Zerstreuung finde: vom lustigen Katzenvideo bis zu Musik oder TV-Serien, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört oder gesehen hatte. Ich kann mir Dokumentationen und Vorträge anschauen, wenn ich Zeit und Lust dazu habe - oder stoße auf Dinge, die ich ohne das Web völlig verpasst hätte. Dass man nicht alles glauben darf, was im Brustton der Überzeugung vor Kameras erzählt wird, habe ich auch durch das Web gelernt. Heute übertrage das auch zurück auf die klassischen Medien und bin kritischer geworden.

      Ich stamme aus einer Ära, in der es überhaupt kein Internet gab. Darum weiß ich, dass ein Leben ohne Web prinzipiell möglich ist. In meiner Freizeit muss ich nicht ständig online sein. Ich weiß aber auch, dass man heute "ohne Web" ein ziemlich eingeschränktes Leben führt. Zwei Wochen ohne Internetzugang zum Abschalten - das geht, aber wehe man öffnet danach seinen Posteingang! Die Erwartungshaltung, dass jeder jederzeit erreichbar sein sollte, ist einer der negativen Nebeneffekte des Internet (und Mobiltelefon)Zeitalters.

      Meine Generation ist vermutlich diejenige, die die Vor- und Nachteile beider Welten bestens kennt. Für mich ist das Web eine Offenbarung, aber keine Selbstverständlichkeit. Bei aller Begeisterung sehe ich die negativen Entwicklungen: Informationsflut und Beschleunigung, fortschreitende Kommerzialisierung, ständige Überwachung, extreme Technikabhängigkeit und Onlinesucht. Das sollten wir immer im Auge behalten, wenn wir uns in dieser "schönen neuen Welt" bewegen. Unter'm Strich möchte ich mich aber den Worten von Annette unbedingt anschließen:

      Meiner Erfahrung nach bekommt man das zurück, was man selbst gibt. Genau wie offline auch. Und je mehr das Digitale Einzug in die ehemalige Offlinewelt hält, umso mehr kommt es auch darauf an, wie wir es nutzen. Oder wie Johannes sagt: „Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen!“