Dienstag, 28. November 2017

Randnotizen der Digitalisierung


In unserem Stadtviertel wurden unlängst alle Telefonanschlüsse digitalisiert. Das neue Internetfernsehen funktioniert prima, und außerdem gibt's den Fire TV Stick, Netflix und Youtube im Wohnzimmer - all diese tollen neuen Sachen. Im Zuge der technischen Erneuerung gibt es eben auch Verlierer: der alte Röhrenfernseher hat  ausgedient. Erstaunlich, wie viele es davon noch gibt. Davon kann man sich derzeit in den Straßen Giesings selbst ein Bild machen.

Gleich und gleich gesellt sich gern. Wenn sowieso schon einer auf dem Grünstreifen steht, dann kann derjenige, der sich beflissen fühlt, den Müll zu entsorgen, die anderen auch gleich mit zum Wertstoffhof nehmen. So funktioniert Outsourcing. 
Gab es nicht ganz ganz ganz früher mal so etwas wie einen offiziellen Sperrmülltag im Stadtviertel? Das war eine super Sache, Abenteuer pur. Was man da nicht alles am Straßenrand finden konnte: Möbel, Lampen, Regale... Flohmarkt kostenlos. Oft wechselten ungeliebte Dinge über Nacht den Besitzer. Aber so funktioniert das heute eben nicht mehr. Jetzt ist Wertstoffhof!

Dienstag, 7. November 2017

Gleich und gleich gesellt sich gern

















Eigentlich hätte dieses Fotomotiv wieder einen guten Kandidaten für die Reihe "1000 Meisterwerke" abgegeben. Als ich am 1. November zum Fitnessstudio lief, musste ich bei der Ansammlung von inhaltsleeren Coffee-To-Go Bechern natürlich anhalten und ein Foto schießen. Das ganze Stadtviertel sah nach dem Fußballspiel am 31.10. ziemlich erbärmlich aus. Trotz Feiertag mussten die Mitarbeiter der Straßenreinigung eine Sonderschicht einlegen, und dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar. Warum?

Mittwoch, 30. August 2017

Lasse Gras darüber wachsen

In der Reihe "1000 Meisterwerke der Digitalromantik 4.0" stellen wir Ihnen heute ein Werk vor, das sich für den Ehrenpreis der Fahrradstadt München bewirbt. Lasse Gras darüber wachsen lautete das Motto, das im Frühjahr und Sommer 2017 eine konsequente Umsetzung erfuhr.
Man könnte meinen, dass die hier gezeigte fotografische Aufnahme der Kampagne einer Umweltpartei entspringt, die auf die perfekte Vereinbarkeit von Natur und Technik aufmerksam machen möchte. Nirgends wird das Konzept einer "grünen Stadt" besser visualisiert als hier, doch weder Green City noch Claudia Roth haben mit diesem Meisterwerk etwas zu tun.


Während der eilige Passant an derlei Objekten hastig vorbeischreitet, und sie lediglich in die Kategorie kurzfristig abgestellte Verkehrsmittel einordnet, bleibt der Kunstinteressierte unvermittelt stehen.

Freitag, 21. Juli 2017

Schön ist das nicht...

"Die Welt ist dabei, in Stücke zu fallen,
und Leute wie Adams und Weston fotografieren Felsen!"

Henri Cartier-Bresson





Montag, 10. Juli 2017

Kein Riese

Ich glaube sie meinten "no rice" (kein Reis), aber ganz sicher bin ich mir nicht.



Was man in diesem Asia Markt aber IMMER bekommt, ist mindestens eine Plastiktüte, egal wieviel man kauft. Man braucht schon ein gewisses Standvermögen, um die Kassiererin daran zu hindern, den einzelnen Bund Koriander in Plastik zu versenken.

Auf das globale Plastikproblem angesprochen erklärte die - stets missmutige - Dame neulich im Laden: "Sagen Sie das den Politikern."

Tatsächlich ist es so, dass "sehr leichte Plastiktüten (dünner als 15 Mikrometer) – zum Beispiel für Obst und Gemüse" nicht unter die neue Tütenverordnung fallen, und deshalb auch weiterhin kostenlos ausgegeben werden dürfen. 

Ja, da stehen wir Ökos mit unseren mitgebrachten Ökobeuteln, gucken dumm aus der Wäsche und lernen, dass wir keine Chance haben, mit unserem lächerlichen Weltverbesserungsquatsch. Wir sind eben keine Riesen. Die Kenianer sind uns da einen Schritt voraus.

Nachtrag: Wie es um das Plastik bestellt ist, kann man unter anderem bei Bild der Wissenschaft nachlesen. "Acht Milliarden Tonnen Plastik wurden in den letzten fünfundsechzig Jahren produziert, zwei Drittel davon gammeln heute als Müll auf Deponien oder verschmutzen Umwelt und Meere. Damit sei dies ein unkontrolliertes Experiment globalen Maßstabs, warnen die Wissenschaftler." Sagen Sie das den Politikern - oder nehmen Sie einfach keine Plastiktüten mehr von Verkäufern an, die ihnen welche aufdrängen. Papiertüten sind übrigens auch keine Alternative, am besten ist immer noch der tausendmal benutzte mitgebrachte Einkaufsbeutel, selbst wenn er aus Plastik ist.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Die Macht der Gewohnheit
















Nein, das ist kein neuer Sportplatz. Oder vielleicht doch?

Es ist wahrscheinlich typisch deutsch, dass ich mir um solche Kleinigkeiten Gedanken mache, aber die typisch deutsche Gründlichkeit,  mit der sich die Stadt München einem Alltagsproblem widmet, fordert mich geradezu heraus. Außerdem beobachte ich gerne Menschen und Situationen, und versuche, mir einen Reim darauf zu machen. 

Die hier gezeigte Wiese mit Trampelpfad kenne ich nun schon seit über dreißig Jahren. Als ich letzte Woche meine übliche Abkürzung hangabwärts joggen wollte, waren fleißige Handwerker gerade dabei, einen Zaun zu errichten. Er reichte bis zur Laterne und ich wusste sofort, was sie vorhatten: Schluss mit Lustig, hier wird jetzt nicht mehr über die Wiese getrampelt. Jawoll, dachte ich, und bog demonstrativ hinter der Laterne links ab. Ja, manchmal kann ich richtig trotzig sein und dieses Gefühl ein paar Sekunden lang auskosten. Das ist kindisch, aber es vermittelt so ein wunderbares Gefühl von Macht. Jemand will dir etwas verbieten und du tust es trotzdem. Ja, so sind wir Menschen. Manche mehr, manche weniger; die meisten handeln reflexartig, und manche tun solche Dinge ganz bewusst.

Als ich abends wieder an der gleichen Stelle vorbeikam, diesmal mit dem Fahrrad und brav auf der geteerten Strecke, war der Zaun bereits vollendet, aber kein Hindernis für einen jungen Mann, der sich elegant darüber hinweg schwang.
Seine kleine Tochter schob ihr Kinderfahrrad zögerlich unter dem Zaun hindurch. Sie musste sich leicht bücken, dabei ihr Fahrrad schrägstellen und gleichzeitig vorwärts gehen - eine echte Herausforderung. Als sie sich den Kopf an der Oberlatte ein wenig anstieß, überspielte ihr Vater die Situation geschickt mit einem fröhlichen Lachen, breitete die Arme aus, und dann gingen beide zufrieden auf dem Trampelpfad weiter. Die Botschaft war klar: Wenn ihr uns hier einen Zaun hinstellt, ist uns das völlig egal. Wir nehmen trotzdem die Abkürzung. Und so hat der Nachwuchs gleich gelernt, dass Zäune kein Hindernis darstellen. Man darf sich nur nicht den Kopf daran anhauen.

Dienstag, 27. Juni 2017

Gelbe Seiten

Die Reihe "1000 Meisterwerke der Digitalromantik 4.0" findet heute ihre Fortsetzung. Wir widmen uns dem Opus "Gelbe Seiten", das auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken kann. Im Frühsommer 2017 bildete es den Kern einer flächendeckenden Street-Art Installation, die in deutschen Großstädten wie München zeitweilig für Aufsehen sorgte. Zumeist waren die sonnengelben Türme in Hauseingängen oder auf Treppenstufen zu finden, doch es gab auch raffiniertere Interpretationen zu bestaunen. Dies ist eine davon.


















Wir stehen vor einer Skulptur, die dem Betrachter durch ihre freundliche Farbigkeit unmittelbar ins Auge springt. Dargeboten auf einem stahlgrauen Altar erkennen wir ein Arrangement von geheimnisvollen Büchern, die lose gestapelt von links nach rechts eine aufsteigend-optimistische Linie bilden.  Das Werk findet seinen Höhepunkt in einem einzeln aufgerichteten Objekt, einer in Plastikfolie verschweißten Ausgabe des preisgekrönten Meisterwerks Gelbe Seiten für München 2017.

Dieses Arrangement, das nicht zufällig der Auslage einer Buchhandlung nachempfunden ist, will auf sich aufmerksam machen. Mehr noch: der geneigte Leser ist eingeladen, sich eines dieser Prachtexemplare mitzunehmen. Kostenlos und nicht umsonst, so lautet die Devise, denn "die gelben Seiten machen jeden Tag zwei Handwerker glücklich". Das erfährt der kultivierte Rechercheur, wenn er sich bei Google über die Historie und den Wert der  sonnengelben Titel erkundigt. Dass es kritische Stimmen gibt, die der gedruckten Version der Gelben Seiten im Digitalzeitalter skeptisch gegenüberstehen, mag den geneigten Betrachter nicht weiter erstaunen. Zerschlissen und vernachlässigt sieht diese Skulptur zunächst aus, doch in ihr verbirgt sich ein nahezu unglaubliches Mysterium.

Aus gut unterrichteten Kreisen, die ihre Identität selbstverständlich nicht preisgeben dürfen, war zu erfahren, dass eine Kooperation zwischen Frau Rowling und den Herausgebern der Gelben Seiten im Gespräch sei. Man wolle künftig Synergien nutzen und plane für das Jahr 2018 eine Sonderausgabe, mit der es gelingen soll, noch mehr Menschen zur Mitnahme dieses vermutlich auflagenstärksten Titels zu bewegen: Band 9 "Harry und das Rätsel der Gelben Seiten" ist in Arbeit! Es hat sich nämlich herausgestellt, dass es Lord Voldemorts Geist gelungen ist, sich in den Gelben Seiten zu verstecken. Dabei wurde sein neuer Deckname als Handwerkerbetrieb eingetragen, allerdings nur in der auf Papier gedruckten Fassung. Um dem Bösewicht auf die Spur zu kommen, müssen Harry, seine Freunde und Fans weltweit alle Ausgaben aller Gelben Seiten von 1998 bis heute einsammeln und von vorne bis hinten durchlesen. Die Todesser versuchen natürlich dies zu verhindern: Verkleidet als Hausmeister und Straßenfeger entsorgen sie die Gelben Seiten schnellstmöglich im Altpapier.

Gehen Sie zu Ihren muggeligen Verwandten und durchstöbern Sie deren Häuser. Finden Sie Gelbe Seiten und lesen Sie diese von A-Z. Finden Sie darin den, dessen Name nie genannt werden darf. Wenn Sie ihn gefunden haben, wird sich Harry Potter persönlich bei Ihnen melden. Die Zauberformel lautet 1000 Meisterwerke #0002. Helfen Sie mit, Lord Voldemort aus den Gelben Seiten zu vertreiben und erneut zu besiegen. Im Erfolgsfall erhalten Sie ein Stipendium für die neu gegründete Zauberschule "Gelbfurz", einen handsignierten Druck dieses Werks für Ihre Kunstsammlung und 666 kostenfreie Belegexemplare der Gelben Seiten jährlich frei Haus. Sie werden es lieben!

Mittwoch, 10. Mai 2017

Kunst to Go

Heute möchte ich Ihnen ein Meisterwerk der Digitalromantik 4.0 nahebringen. In diesem sonnendurchfluteten Idyll aus dem Jahr 2017 sieht man erst auf den zweiten Blick, dass sich die Künstlerin mit dem Sujet "Zweirad" beschäftigt hat. Der zerschlissene Plastiksattel in der rechten Bildmitte springt nicht sofort ins Auge. Erst wenn der Betrachter den Lenker des pedalgetriebenen Fahrzeugs erspäht, wird deutlich, wo sich das leuchtendgrüne Hauptobjekt befindet: auf einem Gepäckträger.

Die angedeuteten Teile einer Efeuhecke am rechten Bildrand lassen ahnen, dass sich das oft als "Drahtesel" bezeichnete Transportmittel an einem Wegesrand befindet. Das Fehlen einer typischerweise mit Fahrradschutzhelm bekleideten Person legt nahe, dass dieses Zweirad zum Zeitpunkt der digitalen Fotoaufnahme nicht aktiv betrieben wurde. Vielmehr scheint das Objekt schon seit längerer Zeit auf die Rückkehr seines Eigentümers zu warten.

Es ist nicht bekannt, ob diese Person wegen eines länger anhaltenden Regens auf das hier gezeigte Zweirad verzichtet hat, oder sich einfach nur im Park verirrt hat. Doch erst jene Abwesenheit hat die unvergleichliche Installation aus verknitterter Aluminiumfolie, halb zerdrückten PET-Flaschen, Coffee-To-Go-Bechern unterschiedlicher Couleur und zerknülltem Papier ermöglicht. Kunst to Go! lautet folglich auch der Titel dieses bis dato unübertroffenen Meisterwerks.







































Die sauber verlegten rechteckigen Platten am Boden stehen symbolisch für die Ordnungsliebe der Menschen, die tagtäglich jene hier im Hintergrund gezeigte Schwelle überschreiten. Hier verlassen Menschen den öffentlichen Weg. Sie treten ein in den grün bewiesten Park, erleben ihre Naturverbundenheit und kehren erfrischt zurück. Ihre Ordnungsliebe ist es auch, die sich in der kunstvollen Anordnung oben genannter Objekte widerspiegelt. Sie liegen nicht mehr im Park und auch nicht neben dem Zweirad. Nein, sie wurden sorgsam arrangiert.

Was zunächst nur als alternativer und kostenlos erhältlicher Fahrradkorb diente, in dem der Eigentümer des Zweirads sein Hab und Gut zu transportieren suchte, transformierte binnen weniger Tage zu einer beachtlichen Sammlung zeitgemäßer Alltagskunst.

Geradezu symbolisch wirkt in diesem Kontext der eigentliche Ursprung der grünen Box. Unverschlissen sieht sie aus, geradezu frisch und neu wirkt sie im Gegensatz zum Fahrradsattel. Hier zeigt die Künstlerin ihre Fähigkeit, subtil auf inhaltliche Kontraste hinzuweisen.

Mehr noch: in derlei grünen Kästen wurde zu Anfang des dritten Jahrtausends menschlicher Kultur üblicherweise transportiert, womit sich der Mensch ernährte: Obst und Gemüse.
Umfunktioniert zum Fahrradkorb erfüllt die Transportbox hier eine neue, moderne Funktion. Sie nimmt auf, was Spaziergänger im Park aufgelesen haben. Hier findet der seit Jahrtausenden in den menschlichen Genen angelegte Trieb des Jagens und Sammelns seinen ultimativen Ausdruck. Essbares war in diesen Objekten ursprünglich angelegt, Nahrung, die dem Überleben dient. Doch in diesem Werk schwingt auch ein Hauch von Vergänglichkeit mit: die Inhalte sind verloren, verbraucht, aufgegessen und getrunken. Geblieben ist jeweils nur die Hülle. Ja, sie ist farblich immer noch attraktiv, geradezu anziehend. Doch versucht man nach dem orangefarbenen Becher zu greifen, der in einem klassischen Kalt-Warm-Kontrast zum giftgrünen Korb gehalten ist, wird man zweifelsohne enttäuscht. Die Objekte sind kalt, leer, und verbreiten einen gewissen Odeur-de-Muff, doch diese Ebene der Kunstbetrachtung wird nur jenen zuteil, die das Werk leiblich und mit allen Sinnen in Augenschein nehmen.

Die spektralfarbene Sonnenflut, die sich von links oben über das Motiv ergießt, will förmlich über die Vergänglichkeit allen Seins hinwegtrösten. So mag man das Arrangement entleerter und sinnentfremdeter Nahrungsmittelbehältnisse in späteren Zeiten vielleicht als eine Form göttlicher Anbetung verstehen. Der Gott ToGo hatte in diesen Tagen viele, nein sehr viele Jünger.

Wir können in diesem Werk also auch eine Huldigung sehen, in dem die Schöpfer der Installation dem Gott des Genusses ihre Ehrerbietung zeigten. Es war eine Joggerin, der es gelang, diesem Ausdruck postmodernen ToGo-Schamanismus ein würdiges Denkmal zu setzen.

Aufgenommen mit einem für diese Zeit typischen Smartphone ist ein Meisterwerk der Digitalkunst 4.0 entstanden, das unübertroffen für den Zeitgeist steht, der die Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends beherrschte. Wir verneigen uns in Ehrfurcht!

Wenn Sie einen handsignierten Druck dieses Werks Ihrer Kunstsammlung hinzufügen wollen, wenden Sie sich an Sotheby's.  Stichwort: 1000 Meisterwerke #0001

Mittwoch, 5. April 2017

Schubladendenken













"Gegen das Schubladendenken wehrt sich nur,
wer in keine Schublade passt." (Dr. House)

Schubladen sind etwas ausgesprochen Praktisches. Wenn man ordentlich ist, muss man nicht lange suchen. Man weiß man sofort, in welche Schublade man greifen muss, um das Besteck, die passenden Computerkabel, die Batterien oder Speicherkarten für die Kamera zu finden. Auch beim Denken helfen Schubladen: Das ist der Fotograf, das ist der Banker, das ist der Fachmann für...

Blöd ist, wenn man beim Einsortieren nicht genau hinschaut, oder wenn man zuwenig Schubladen hat. Zu viele Schubladen sind auch nicht gut: Am Ende weiß man nicht mehr so genau, ob die Akkus oben links oder rechts in der Mitte sind. Dann braucht man entweder ein gutes Gedächtnis, eine gute Beschriftung oder viel Zeit zum Suchen.

Es gibt kleine, mittlere und große Schubladen, und es gibt immer Sachen, die nirgends so richtig reinpassen. Solche Dinge landen dann im Keller, oder man vergisst, wo man sie untergebracht hat. Das Ungewöhnliche und Sperrige hat es schwer, im praktischen und im übertragenen Sinn.
Kompliziert ist es auch mit den Dingen, die thematisch in mehrere Schubladen passen. Ein rotes Spielzeugauto passt in die Kategorien rot, Auto, Spielzeug. Es könnte aber auch in der Kategorie Kindheitserinnerungen oder Flohmarkt landen. Solch emotionale Bezüge sind manchmal schwer nachzuvollziehen und eine große Herausforderung für Suchalgorithmen.

Wie schwierig es ist, die richtigen Schlagwörter zu finden, habe ich bei der Suche nach Fotomotiven in einer Bildagentur erlebt. Die Seite zeigte mir nur selten das, was ich wirklich brauchte. Das Programm hatte auch nach Monaten nicht viel dazugelernt. Selbst der Internetriese Amazon tut sich schwer mit mir. Da werden mir Männer T-Shirts und Heavy Metal Musik vorgeschlagen, obwohl ich LaBrassbanda und Haindling gekauft habe. Vielleicht liegt es daran, dass mein Mann unser Amazon Prime Fernsehprogramm zusammenstellt? Ganz sicher ist es untypisch, dass eine Frau vorwiegend in den Kategorien Elektronik, Computer und Foto herumstöbert. Ich bin natürlich dankbar, dass mir kaum Werbung für Beauty Produkte, Kleider oder Schuhe unter die Augen kommt, aber ich frage mich schon gelegentlich, was mir alles entgeht. Die sogenannte "Filterblase", in der eigene Überzeugungen stets verstärkt und abweichende Themen systematisch ausgeblendet werden, halte ich für keine erfreuliche Entwicklung. Wie soll man kreativ sein und auf neue Ideen kommen, wenn man immer das Gleiche und Bekannte zu sehen und zu lesen bekommt?

Ich werde also mal wieder aufräumen, alle realen und gedanklichen Schubladen öffnen und durchlüften. Ich bin neugierig, welche verloren geglaubten Schätze dort auf mich warten. Zudem kann ich bei diesem Frühjahrsputz umsortieren, ausmisten und Platz schaffen für neue, interessante Inspirationen.