Dienstag, 6. Februar 2018

Digitale Revolution: Erlebnisse aus dem Alltag

Im Fotonanny-Blog hatte ich letzte Woche über das Verschwinden von Keegan berichtet. Keegan konnte Bilder, die man auf eine Webseite hochgeladen hatte, in Sekundenschnelle beurteilen. Dabei hat er nicht nur Bildinhalte erkannt und benannt, sondern auch ein Werturteil darüber abgegeben, ob es sich um ein ansprechendes Bild handelte. Sein Wissen basierte auf Informationen und Bildbewertungen von professionellen Fotografen. Ein Fotograf war schließlich auch der Namenspate für den Algorithmus, der nach der Testphase aus dem Netz verschwand. Dass er sehr schnell von Apple gekauft wurde, ist ein Hinweis darauf, welches Potenzial in Keegan schlummert. Er war (ist) fast so gut wie ein menschlicher Foto-Coach, und hat mir klargemacht, wie weit künstliche Intelligenz heute schon entwickelt ist.


Was ist ein Algorithmus?
Vereinfacht ausgedrückt gibt ein Algorithmus eine Vorgehensweise vor, mit der man ein Problem lösen kann. Namensgeber für diesen abstrakten Begriff ist der arabische Mathematiker Al-Chwarismi, der schon im 9. Jahrhundert ein Buch über den Gebrauch indischer Zahlzeichen verfasst hatte. Ich kann mich nur dunkel an die Zeit im Mathematikunterricht erinnern, als das Thema auf dem Lehrplan stand. Mehr noch: Ich war sehr erleichtert, als ich mich damit nicht länger beschäftigen musste. Jetzt holt es mich an einer ganz anderen Stelle wieder ein.

Heute sind Algorithmen vor allem eine Grundlage der Programmierung, und wir haben tagtäglich mit ihnen zu tun: Wenn wir die Grammatikprüfung im Textprogramm verwenden, ein Navigationsgerät benutzen, eine Google-Suche losschicken... Algorithmen sind überall, und sie sind quasi unsichtbar. Wir haben uns so an sie gewöhnt, dass wir sie gar nicht mehr missen wollen oder können.

Wir produzieren enorme Datenmengen
Die Leistung moderner Rechner wächst unaufhörlich, die Anzahl gesammelter Daten auch. Algorithmen durchsuchen all diese Daten nach Mustern und Zusammenhängen, und sie werten diese Daten aus. Deshalb sieht jeder Nutzer andere Ergebnisse, auch wenn der gleiche Suchbegriff zum Beispiel bei Google eingegeben wird. Es ist so verführerisch! Haben Sie einmal eine andere Suchmaschine benutzt, und sich über die komischen Ergebnisse gewundert? Der Algorithmus von Google "weiß" längst, wofür ich mich interessiere, und wird immer versuchen, mir die passenden Ergebnisse zu liefern. Der Algorithmus weiß auch Dinge über mich, die ich selbst noch nicht weiß - so lautet jedenfalls die aktuelle Einschätzung von Experten. Weil sich viele Algorithmen bereits selbst verbessern, wissen die Programmier oft selbst nicht mehr, wie sie im Einzelnen funktionieren. Was immer wir tun: Wir sind nicht allein. Irgendein Algorithmus begleitet uns. Immerhin, es war ein Mensch, der mich nach meinem Artikel auf eine neue Übersetzungsmaschine aufmerksam machte.



DeepL - Eine neue Ära
Ich hatte mich über Google Translate mokiert, das wirklich krude Übersetzungen abliefert. Nicht so DeepL, dessen Entwickler - man staune -  in Deutschland sitzen. Die Server stehen auf Island, meinem Lieblings-Reiseland, das auch dafür bekannt ist, dass man dort den Strom sehr günstig erzeugen kann. Ein Supercomputer, der 5 100 000 000 000 000 Rechenoperationen pro Sekunde erreicht, braucht eine Menge Strom. Eine Zahl mit 16 Stellen sprengt mein derzeitiges Vorstellungsvermögen, aber das ist bei weitem nicht das Ende der Entwicklung. Dieser Computer ist bei weitem nicht der größte und schnellste auf der Welt. In der Pressemeldung von DeepL wird seine Kapazität gut veranschaulicht: "...genug Leistung, um eine Million Wörter in weniger als einer Sekunde zu übersetzen". Das schafft kein Mensch.



Was kommt da auf uns zu?
Ganz praktisch gesprochen: Unglaublich gute Übersetzungen.

"DeepL erwies es sich als sehr treffsicher und war besonders gut darin, die Bedeutung des Satzes zu erfassen, anstatt durch eine wörtliche Übersetzung zu entgleisen." 
(La Repubblica, Italien)

Ich war geplättet, als ich DeepL meinen Artikel übersetzen ließ. Wow, war meine erste Reaktion, und Uff, das ist das Ende des gelernten Übersetzers mit Diplom - zu denen auch ich einst zählte. Maschinen sind uns heute schon in vielen Dingen überlegen, und dabei handelt es sich (noch) nicht um echte künstliche Intelligenz. Diese KI (oder AI = Artificial Intelligence) wird kommen, und mit dieser Situation müssen wir uns zurechtfinden. Wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, dass DeepL alle Texte, mit denen wir ihn füttern, irgendwie weiter verarbeitet.

Science Fiction im Alltag
Erinnern sich an den "Universaltranslator", den Captain Kirk und seine Mannschaft immer mit dabei hatten, als sie sich auf fremde Planeten beamten? Das hat mich schon als Kind mächtig fasziniert. Mit DeepL können die bereits vorhandenen Anwendungen richtig gut werden.
Moderne Smartphones wandeln gesprochene Sätze bereits heute in Text um oder lesen uns geschriebene Texte vor. Schaltet man DeepL dazwischen, kann man das Smartphone als Dolmetscher auf Reisen verwenden, ohne die Landessprache erlernen zu müssen. Um diese Funktion zu nutzen, braucht man nur zwei Dinge: eine saubere Spracherkennung bei der Eingabe und eine schnelle Datenverbindung für DeepL. Aktuell unterstützt die Funktion Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch und Niederländisch. Weitere Sprachen wie Mandarin, Japanisch und Russisch sind in Vorbereitung.

"Unsere Ambitionen beschränken sich nicht auf Übersetzungen“, sagt Gereon Frahling, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens.  „Die neuronalen Netze haben ein unglaubliches Sprachverständnis entwickelt. Das eröffnet uns viele aufregende Möglichkeiten für die Zukunft.“

Denken wir noch einen Schritt weiter 
Es gibt bereits Computer, die besser malen können als anerkannte Künstler. Künstliche Intelligenzen können Buchrezensionen genauso gut schreiben wie Menschen. Dieses "unglaubliche Sprachverständnis", das sich da gerade entwickelt, wird die automatisierten Servicemitarbeiter an der Hotline schließlich so menschlich klingen lassen, dass wir gar nicht mehr wissen, ob wir mit einer Person oder mit einer KI sprechen. Und bald darauf werden wir mit einer Stimme aus unserem Smartphone reden können, wie mit unserer besten Freundin.

Eine solche Vision wurde schon 2013/14 im Spielfilm "Her" thematisiert. Am Ende dieses Films bleiben die Menschen zurück und schauen über die Lichter der Stadt, während sich die virtuellen Intelligenzen in eine immaterielle Sphäre verabschieden. Das ist nett gemeint, aber ziemlich unrealistisch. Ich vermute, diese Filmemacher wollten uns nicht schockieren. Filme wie Ex Machina oder der alte Klassiker Bladerunner gehen sogar noch weiter: Sie gehen von Androiden aus, die äußerlich nicht mehr von echten Menschen zu unterscheiden sind, und eigene Ambitionen entwickeln. Die Vorstufe zu all dem ist der Algorithmus.



Der 2017 erschienene Thriller Das Erwachen von Andreas Brandhorst ist ebenfalls eine absolut spannende und hoch aktuelle Lektüre.

Wenn Sie sich bisher noch gar nicht mit solchen Themen beschäftigt haben, fangen Sie mit etwas Schönem und Bewegendem an. Der Zweihundertjährige ist eine Geschichte von Isaac Asimov, die 1999 mit Robin Williams in der Hauptrolle verfilmt wurde. Ein Kassenschlager war der  Der 200-Jahre-Mann nicht, aber es lohnt sich, ihn anzuschauen.


Bleiben Sie auf dem laufenden
Mein Biochemielehrer hielt es immer für völlig unmöglich, dass es erdähnliche Planeten im Universum geben könne. Dreißig Jahre später finden Algorithmen durch  neueste Teleskope und Raumsonden viele potenziellen Kandidaten, auf denen Leben zumindest theoretisch möglich wäre. Auch wenn oft ein Irrtum dem anderen folgt: Es schadet nicht, wenn wir unseren Stand des Wissens gelegentlich aktualisieren, und unser Verhalten darauf abstimmen.

"Wir sollten unsere Möglichkeiten nicht unterschätzen, wir Menschen sind sehr lernfähig. Wir müssen aufwachen, die Situation analysieren und handeln." (Ranga Yogeshwar)

In was für einer Welt wollen wir leben? Ich denke, das ist eine der wichtigsten Fragen, die man sich immer stellen kann - auch ohne Hintergrundwissen und ohne Science Fiction.

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