Freitag, 23. März 2018

Ein Plädoyer für intelligente Mediennutzung

Wissen Sie, wann das erste Youtube-Video ins Netz ging?
Das war am 23. April 2005, also vor etwa dreizehn Jahren. Wer auf dem Land wohnt, und immer noch einen langsamen Internetanschluss hat (Stichwort "Breitbandausbau"), erlebt bis heute eine Situation, die vor ein paar Jahren ganz normal war: Langsamer Seitenaufbau, ruckelnde Videos oder das Laden der Seiten gelingt überhaupt nicht. Wie schnell wir uns an den Komfort gewöhnt haben, und ihn für selbstverständlich halten, merken wir immer nur dann, wenn irgendetwas nicht funktioniert.

Als ich den betrachtenswert-Artikel "Ein Plädoyer für intelligentes Fernsehen" veröffentlichte, gab es noch nicht einmal Smartphones, wie wir sie heute kennen. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt. Wenn ich heute durch die Straßen gehe, taumelt fast jeder dritte Passant mit gesenktem Kopf durch die Gegend und schaut in ein kleines eckiges Kasterl. 90% der Menschen sind verkabelt, sie tragen Kopfhörer und haben ihr Smartphone in der Tasche oder tragen es in der Hand vor sich her. Ich finde es erstaunlich und manchmal auch erschreckend, wie schnell und wie dramatisch sich die mediale Welt in so relativ kurzer Zeit verändert hat. Jetzt stehen uns in einem einzigen Gerät so viele Möglichkeiten parallel zur Verfügung, dass wir uns in einem totalen Informations- und Unterhaltungs-Overkill befinden. Viele können gar nicht mehr abschalten. 

Schauen Sie noch fern?
Fernsehen ist heute eine Art Dinosaurier-Medium, ähnlich wie das Festnetztelefon. Heute, im Jahr 2018,  muss ich die Frage stellen, ob Sie überhaupt noch klassisch fernsehen - und wenn ja: wie?

Mein Mann und ich zeichnen alle interessanten Sendungen und Filme grundsätzlich auf und suchen uns das TV-Programm nach Lust und Laune aus. Nach ein paar Minuten entscheiden wir, ob wir weiterschauen, oder ob wir die Sendung gleich wieder löschen. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass wir seit Jahren keine TV-Werbung mehr anschauen mussten. Etwaige Werbepausen können mit der Vorspultaste schnell "übersprungen" werden. Falls wir doch einmal ein Programm live anschauen, drücken wir oft auf die Pause-Taste, um über das zu diskutieren, was uns am Bildschirm gerade entgegengeflimmert ist. Das ist wie eine Auszeit beim Handball oder beim Eishockey. Manchmal spulen wir auch zehn, zwanzig oder dreissig Sekunden zurück, um uns einen interessanten oder widersprüchlichen Satz noch ein zweites Mal anzuhören.

"Mach mal kurz Stopp!" 
Man kann bei der modernen Mediennutzung das Hirn einschalten, genau zuhören, die Aussagen hinterfragen, und dabei die eigene Haltung oder das eigene Wissen überprüfen. Man kann sich aber auch berieseln lassen. Unterhaltung ist ein Aspekt, Bildung der andere. In den sogenannten "Spartenkanälen" und sehr spät abends gibt es immer wieder hoch interessante Beiträge, oder Sendungen, mit denen man sein Allgemeinwissen ganz nebenbei auffrischen kann. Das sogenannte "Privatfernsehen" geht komplett an uns vorbei, darum brauche ich immer noch Nachhilfe, wenn Namen wie Kim Kardashian oder Pietro Lombardi fallen. Solche Themen interessieren mich nicht, und darum lebe ich vielleicht wirklich in einer Art Paralleluniversum.

Bei uns heißt die Fernbedienung "die Macht". So scherzhaft wir diesen Ausdruck gebrauchen: So eine Fernbedienung ist tatsächlich etwas sehr Machtvolles: Sie hat uns schon immer die Herrschaft darüber gegeben, was wir sehen wollen. Die Aufzeichnung von TV-Sendungen, die Nutzung von Mediatheken, Bezahlfernsehen oder Youtube gibt uns die Freiheit zu entscheiden, wann wir etwas sehen wollen. Smartphones und Tablets erlauben uns zu entscheiden, wo wir etwas sehen wollen. Insgesamt haben wir durch die modernen Medien nicht nur ein größeres Informationsangebot, sondern auch mehr Freiheit und eine größere Flexibilität gewonnen!

Die Kehrseite der Medaille
Als Kinder mussten wir noch sehnsüchtig auf die Filme mit Pippi Langstrumpf und Winnetou warten, es gab einen Fernseher und ein Telefon für die ganze Familie. Für die heutigen Generationen ist alles jederzeit abrufbar und beinahe jeder hat sein eigenes Smartphone. Das verändert unser Leben massiv: Wir werden nicht geduldiger, wenn wir alles immer und überall haben können. Wenn es mal nicht so läuft wie gewohnt, kommt es viel schneller zu Irritationen. Hinzu kommt, dass wir multimedial geworden sind: Arbeit, Kommunikation, Spielen, Lesen, Filme, Nachrichten, Shopping - das waren früher getrennte Kanäle. Jetzt ist alles in einem Gerät vereint, und man kommt nicht mehr davon los. Mehr noch: Es gibt kaum noch Pausen. Während des "Tatorts" wird per Twitter oder Whatsapp kommuniziert oder kommentiert, wir leben ständig im "Multitasking-Modus". Viele Leute merken inzwischen, dass sie davon zunehmend gestresst sind, unternehmen aber (noch) nichts dagegen.

Wie viele Telefonate haben Sie früher geführt, und wie viele Whatsapp- oder Facebook-Nachrichten, SMS, E-Mails, Anrufe haben Sie heute jeden Tag zu bewältigen? Das permanente Gefühl, dass die Zeit einfach nicht mehr reicht, sich um alles zu kümmern, hat womöglich damit zu tun, dass wir unsere Prioritäten neu definieren und ständig anpassen müssen. Genauso machtvoll wie die Fernbedienung am TV-Gerät sind der Ein-/Aus-Schalter am Computer, oder der Flugzeugmodus am Smartphone. Macht Sie der Gedanke nervös?

Wir  müssen jetzt lernen, mit diesem massiven Überangebot klarzukommen. Wenn wir keine klaren Entscheidungen treffen, lassen wir zu, dass wir ferngesteuert werden. Wir sind keine dressierten Hunde, die jedem Ball und jedem Stöckchen hinterherhüpfen müssen. Um einem Automatismus einen Riegel vorschieben zu können, muss man ihn erst einmal erkennen.

Wo findet das wahre Leben statt?
Für die meisten Menschen ist es eine Art Zwang, regelmäßig aufs Smartphone zu schauen. Viele Leute sind körperlich anwesend, aber mit ihren Gedanken völlig woanders. Man könnte argumentieren, dass es doch toll ist, wenn der Kumpel aus Australien live miterleben kann, was seine Freunde in München gerade im Biergarten erleben. Aber wie erfüllend sind zwischenmenschliche Beziehungen, wenn jemand dauernd die Notwendigkeit verspürt, auf die Nachrichten von Nichtanwesenden zu reagieren? Haben Sie in so einem Moment das Gefühl, dass Ihre Anwesenheit gefragt ist? Die Aufmerksamkeit, die gerade noch bei einem Gespräch war, wird unweigerlich abgezogen. Die Unterhaltung wird unterbrochen und sie nimmt danach oft einen anderen Verlauf.
Stellen Sie sich mal vor, jeder würde seinen altmodischen Computer zur Silvesterparty mitbringen, den ganzen Abend mit Tastatur und Maus herumhantieren und in einen Röhrenbildschirm starren. Genau das passiert ständig, wir merken es nur nicht, weil die Handys so klein und so schick sind. Leute sitzen zusammen im Biergarten und jeder schaut durch sein eigenes Smartphone in eine andere Welt. 
Ich bin nicht grundsätzlich gegen Smartphones und all diese wunderbaren Medien, sonst würde ich sie ja nicht nutzen. Die Frage ist nur:  Wie findet man einen guten Mittelweg?

Realitäts-Check
Rauchen und Alkohol können süchtig machen, das weiß jeder. Wenn man den Begriff "Sucht" in Verbindung mit Smartphones verwendet, kommt schnell Empörung auf. Überprüfen Sie Ihre Gewohnheiten. Weiterlesen 


  • Wie oft und wann schauen Sie auf Ihr Smartphone?
  • Wie oft schalten Sie Ihr Smartphone komplett aus?
  • Wenn Sie Medien konsumieren, was benutzen Sie am häufigsten?
    Facebook / Whatsapp / Youtube / Internet / Fernsehen / Musik / Spiele / ...
  • Wenn Sie fernsehen, was bevorzugen Sie?
    Nachrichtensendungen? Filme? Soaps? Reportagen? Sport? Politische Magazine? Talk-Shows? ...
  • Welche Gefühle lösen die von Ihnen benutzten Medien  bei Ihnen aus?
    Sind es angenehme, entspannende Gefühle oder fühlen Sie sich unter Zugzwang? 
  • Müssen Sie unbedingt noch auf eine Nachricht antworten, oder kann das auch bis zum nächsten Tag warten? Warum (nicht)?
  • Fühlen Sie sich durch die Medien, die Sie nutzen, motiviert, selbst etwas in Angriff zu nehmen oder stellen Sie hinterher oft fest, dass es schon wieder viel zu spät geworden ist? 
  • Fühlen Sie sich häufiger müde, ausgelaugt, überfordert...?
  • Ist es wirklich Ihr Job, der Sie müde macht, ist es das mediale Dauerfeuer oder eine Kombination aus "allem"? 
  • An welcher Stellschraube könnten Sie drehen?
Lösungsansätze
  • Setzen Sie sich ein Zeitlimit, z.B. maximal eine halbe Stunde am Tag, zum Beispiel für Facebook oder planloses Surfen im Netz.
  • Machen Sie nicht alles auf der Couch oder am Arbeitsplatz. Wenn Sie jedesmal aufstehen müssen, um eine (private) Nachricht zu beantworten, wird Ihnen schneller bewusst, wann und wie oft Sie sich im Multitasking-Modus befinden.
  • Zappen Sie nicht wahllos herum. Überlegen Sie sich vorher, welche Sendungen, Videos oder Texte für Sie interessant sind.
  • Wählen Sie bewusst Sendungen oder Medien aus, bei denen Sie einen persönlichen Nutzen haben: Können Sie etwas dazu lernen oder sich weiter entwickeln?
  • Zeichnen Sie interessante Sendungen auf, um sie in Ruhe anschauen zu können - und zwar dann wenn Sie Zeit und Lust haben. So können Sie Ihre Zeit besser nutzen, Werbepausen und weniger interessante Beiträge überspringen.
  • Verfolgen Sie den jeweiligen Beitrag aufmerksam, nicht im Multitasking-Modus.
  • Unterhalten Sie sich mit anderen über das Gesehene. 
  • Gibt es "Aufreger-Themen", bei denen Sie regelmäßig vor Wut kochen?  Wer profitiert am meisten davon, wenn Sie an die Decke gehen? Sie sind es wahrscheinlich nicht. Denken Sie an Ihren Blutdruck ;-)
  • Nehmen Sie das, was Sie lesen, sehen und hören mit Interesse zur Kenntnis, aber sorgen Sie für einen emotionalen Abstand. Oft erfährt man nur die halbe Wahrheit. Heute sagt man dazu auch "Fake News".
Vor einiger Zeit verbreitete sich die Kunde, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen geringer sei, als die eines Goldfischs. Ich hätte das gerne zitiert, weil es meine Argumente untermauert hätte. Vorher habe ich doch lieber noch einmal recherchiert und herausgefunden, dass diese Meldung nicht ganz richtig war. Das müsste ich streng genommen bei allen Informationen machen, die ich bekomme. Dann wäre ich den ganzen Tag mit Recherche beschäftigt... Niemand ist unfehlbar, für jede Meinung und vermeintliche Fakten gibt es irgendwo eine Gegenmeinung oder eine anderslautende Studie. Auch das ist eine neue Herausforderung. Der Untergang der Menschheit wird regelmäßig heraufbeschworen. Die gute Nachricht lautet: Wir sind immer noch da (Stand März 2018). Machen Sie das Beste daraus - on- und offline.

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